Der Stuttgarter Premium-Automobilhersteller Mercedes-Benz steht vor der Veröffentlichung seiner Zahlen für das dritte Quartal unter erheblichem Erwartungsdruck. Analysten zeigen sich zunehmend skeptisch bezüglich der kurz- und mittelfristigen Ertragsentwicklung des Dax-Konzerns. Besonders deutlich wird diese veränderte Stimmungslage in einer aktuellen Studie der kanadischen Großbank RBC, die das Kursziel für die Aktie im Vorfeld der Berichterstattung spürbar nach unten korrigiert hat.
RBC reduziert das Kursziel deutlich
In einer aktuellen Branchenanalyse hat RBC-Analyst Tom Narayan das Kursziel für die Papiere von Mercedes-Benz von zuvor 54 auf nun 44 Euro gesenkt. Die Einstufung belässt die Bank zwar auf "Sector Perform", was einer neutralen Bewertung entspricht, doch die drastische Reduzierung des Kursziels um fast 18,5 Prozent spiegelt die gewachsenen operativen Risiken wider. Die Veröffentlichung der Originalstudie erfolgte unmittelbar vor den anstehenden Quartalszahlen des Autobauers. Im Fokus der Analysten steht dabei vor allem ein Markt, der über Jahre hinweg als wichtigster Ertragsbringer der Stuttgarter galt.
Das China-Dilemma der Premium-Hersteller
Als zentraler Belastungsfaktor für Mercedes-Benz erweist sich die anhaltende Schwäche auf dem chinesischen Automobilmarkt. Der einstige Wachstumsmotor gerät ins Stocken: Laut den Erhebungen von RBC sind die Auslieferungen des Herstellers im Reich der Mitte zuletzt im Jahresvergleich um fast ein Drittel eingebrochen. Dieser Rückgang betrifft nicht nur volumenstarke Modelle, sondern trifft den Konzern im Kern seiner Unternehmensstrategie.
Unter der Führung von Vorstandschef Ola Källenius hat sich Mercedes-Benz voll auf das Luxussegment und die Devise "Wert vor Menge" fokussiert. Diese Strategie basiert auf der Annahme, dass hochpreisige Fahrzeuge im absoluten Premiumsegment unempfindlicher gegenüber Konjunkturschwankungen sind. Doch die aktuellen Daten aus China zeigen, dass auch das oberste Kundensegment nicht immun gegen die wirtschaftliche Abkühlung im Land ist. Zudem verschärft sich der Wettbewerb durch heimische chinesische Hersteller, die insbesondere im Bereich der elektrifizierten Luxuslimousinen und SUVs technologisch und preislich stark aufholen.
Margen unter Druck: Die Rentabilitätsziele wackeln
Der drastische Absatzrückgang im margenstarken China-Geschäft hat unmittelbare Folgen für die operative Marge im Kerngeschäft des Konzerns. Die Analysten von RBC warnen, dass die Rendite im Automobilsegment unter die von Mercedes-Benz selbst definierte Untergrenze der Zielspanne fallen könnte. Konkret droht die operative Marge im Autogeschäft unter den Bereich von 3 bis 5 Prozent abzurutschen.
Für einen Premiumhersteller, dessen Anspruch es ist, dauerhaft zweistellige Renditen zu erwirtschaften, wäre ein solches Niveau ein herber Rückschlag. Eine Marge im niedrigen einstelligen Bereich lässt kaum Spielraum, um die enormen Investitionen in die Transformation zur Elektromobilität, die Batterietechnologie und die Entwicklung eigener Softwareplattformen aus dem laufenden Cashflow zu finanzieren.
Aktienkurs im Spannungsfeld von Bewertung und Realität
An der Börse spiegeln sich diese Sorgen bereits wider. Im XETRA-Handel tendierte die Aktie von Mercedes-Benz nach Bekanntwerden der Studie leichter und notierte zeitweise mit einem marginalen Minus von 0,19 Prozent bei 39,62 Euro. Damit liegt der aktuelle Kurs zwar noch unter dem neuen, reduzierten Kursziel der RBC von 44 Euro, doch der Abstand zum alten Kursziel von 54 Euro verdeutlicht den massiven Vertrauensverlust der Marktteilnehmer in den vergangenen Monaten.
Das verbleibende Aufwärtspotenzial bis zum neuen Kursziel spiegelt die Hoffnung wider, dass der Konzern die Talsohle im Laufe des kommenden Jahres durchlaufen könnte. Dennoch zeigt die Einstufung "Sector Perform", dass die Analysten der RBC vorerst keine nennenswerten Impulse erwarten, die die Aktie kurzfristig zu einer Outperformance gegenüber dem Gesamtmarkt treiben könnten.
Ausblick: Worauf Investoren bei den Q3-Zahlen achten müssen
Mit Spannung wird nun die offizielle Vorlage des Quartalsberichts erwartet. Marktteilnehmer werden dabei sehr genau auf die Formulierungen des Managements bezüglich der Aussichten für das vierte Quartal und das kommende Geschäftsjahr achten. Im Fokus steht dabei vor allem die Frage, ob das Unternehmen gezwungen sein wird, seine Gesamtjahresprognose formell anzupassen, oder ob kurzfristige Kostensenkungsmaßnahmen ausreichen, um die operative Marge zu stabilisieren.
Zudem dürfte die Entwicklung des freien Cashflows im Fokus stehen, welcher für die Dividendenzahlungen und Aktienrückkaufprogramme von zentraler Bedeutung ist. Sollte sich der Margendruck im Autogeschäft weiter verschärfen, könnte auch der finanzielle Spielraum für diese aktionärsfreundlichen Maßnahmen in Zukunft enger werden.

