Der deutsche Leitindex DAX zeigt sich in seiner jüngsten Entwicklung von zwei sehr unterschiedlichen Seiten. Während die übergeordnete, langfristige Tendenz an den Aktienmärkten weiterhin stabil nach oben gerichtet ist, stellt sich die kurzfristige charttechnische Situation als ausgesprochen ambivalent dar. Marktbeobachter, die sich an der klassischen Elliott-Wellen-Theorie orientieren, stehen derzeit vor einer klassischen Richtungsentscheidung.
Die entscheidende Frage für die kommenden Wochen lautet: Steht dem Index unmittelbar die Fortsetzung einer dynamischen Rallye bevor, oder müssen sich Anleger zunächst auf eine spürbare Konsolidierung einstellen? Im Zentrum der aktuellen charttechnischen Betrachtung stehen dabei zwei markante Kursmarken, die die kurz- bis mittelfristige Richtung vorgeben dürften: das bullische Rallyeziel bei 28.906 Punkten auf der Oberseite und die charttechnische Unterstützung bei 25.858 Punkten auf der Unterseite.
Die übergeordnete Struktur: Aufwärtstrend im lila Impuls
Aus übergeordneter Sicht befindet sich der DAX nach dem Abschluss einer komplexen Korrekturwelle (bezeichnet als überschießende lila Welle 2 bei 11.807 Punkten) in einer impulsiven Aufwärtsbewegung, der sogenannten lila Welle 3. Diese hat bereits Höchststände von 26.579 Punkten erreicht und bewegt sich damit stabil im prognostizierten Zielbereich oberhalb der Marke von 16.297 Punkten.
Innerhalb dieser lila Welle 3 lässt sich die Kursentwicklung in weitere Unterwellen unterteilen. Nach dem Abschluss der blauen Welle 1 (bei 16.537 Punkten) und der korrigierenden blauen Welle 2 (bei 14.585 Punkten) läuft derzeit die blaue Welle 3. Diese hat die wichtige 161er-Fibonacci-Ausdehnung bei 22.237 Punkten bereits hinter sich gelassen. Für den konkreten Fortlauf dieser Welle kristallisieren sich in der Praxis derzeit zwei unterschiedliche Interpretationsvarianten heraus.
Die Hauptvariante: Gedämpfter Impuls mit Korrekturpotenzial
In der primär favorisierten Variante, dem sogenannten „gedämpften Impuls“, wird davon ausgegangen, dass die Teilstruktur der blauen Welle 3 bereits weit fortgeschritten ist. Demnach wurde die orangene Welle 3 dieser Bewegung im Frühjahr 2025 mit einem markanten Hoch abgeschlossen. Die anschließende Konsolidierungsphase, die orangene Welle 4, fand ihren Tiefpunkt demzufolge bei 21.860 Punkten. Aufgrund des zeitlichen Ablaufs gilt dieses Korrekturfenster als geschlossen.
Aktuell befindet sich der DAX in dieser Variante in der finalen orangenen Welle 5, die sich jedoch komplex und mehrdeutig präsentiert. Nach einer ersten Aufwärtswelle bis 25.153 Punkten und einer anschließenden Konsolidierung auf 24.692 Punkte (grüne Welle 2) läuft nun die grüne Welle 3. Diese hat mit dem bisherigen Verlaufshoch bei 26.579 Punkten das Mindestziel von 25.903 Punkten bereits überschritten.
Genau an diesem Punkt zeigt sich jedoch die aktuelle Ambivalenz des Marktes:
Das kurzfristige Korrekturszenario: Innerhalb der laufenden Bewegung wird derzeit eine lila Welle 2 ausgebildet. Diese läuft noch und hat ein typisches 38er-Fibonacci-Korrekturziel bei 25.858 Punkten. Solange diese Korrektur nicht vollständig abgeschlossen ist, bleibt das Risiko kurzfristiger Rücksetzer hoch. Das mittelfristige Rallyeszenario: Sobald diese Teilkorrektur beendet ist, stehen die nächsten Extensionen auf dem Plan. Das 100er-Projektionsziel der laufenden Welle liegt bei 27.985 Punkten, während das 161er-Ziel sogar bei 30.019 Punkten verortet ist. Für die gesamte übergeordnete orangene Welle 5 ergibt sich bei einer gedehnten Auslegung ein rechnerisches Minimalziel von 28.906 Punkten.
Die Nebenvariante: Der „Power-Impuls“ als bullischer Beschleuniger
Neben der Hauptvariante existiert eine noch aggressivere Interpretation des Chartbildes, die als „Power-Impuls“ eingestuft wird. In diesem Szenario befindet sich die blaue Welle 3 in einem noch deutlich jüngeren Stadium.
Hierbei wurde die lila Welle 1 erst im Bereich von 23.477 Punkten markiert, gefolgt von einer schnellen Korrektur der lila Welle 2 bis auf 21.860 Punkte. Demnach stünde der DAX erst am Anfang einer massiven, lila Welle 3, die den Index ohne größere Zwischenkorrekturen weit über die bisherigen Allzeithochs hinausführen könnte. In diesem Fall wären die aktuellen Rücksetzer lediglich als unbedeutendes Rauschen innerhalb eines extrem starken Aufwärtstrends zu werten.
Fazit und makroökonomischer Kontext
Unabhängig davon, welche der beiden Varianten sich letztlich durchsetzt: Das übergeordnete Fazit der Elliott-Wellen-Analyse bleibt für den langfristigen Horizont positiv. Sowohl der DAX als auch der US-amerikanische Leitindex Dow Jones Industrial befinden sich charttechnisch auf einem stabilen Pfad in neue Höchstbereiche.
Die vorliegenden Wellenmuster deuten darauf hin, dass der globale Aktienmarkt einen langfristigen und nachhaltigen Anstieg vollzieht. Dieser Trend könnte sich im Zuge anhaltender inflationärer Tendenzen nominal sogar noch beschleunigen, da Sachwerte wie Aktien in inflationären Phasen erfahrungsgemäß als Liquiditätsanker gesucht bleiben. Kurzfristig sollten sich Marktteilnehmer jedoch auf volatile Seitwärtsbewegungen und das potenzielle Anlaufen der Unterstützung bei rund 25.850 Punkten einstellen, bevor die nächste große Aufwärtswelle anlaufen kann.

